Die Nominierungen und Empfehlungen stehen fest

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Die Spiel-des-Jahres-Jury hat am 23. Mai die Nominierungen und Empfehlungslisten u.a. in den Kategorien Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres für den Jahrgang 2016 veröffentlicht. Im Folgenden möchte ich die Spiele kurz vorstellen und die Auswahl bewerten:

Spiel des Jahres: Die Nominierungen

Spiel des Jahres NominiertenCodenamesImhotepKaruba

Codenames (Vlaada Chvatil; Heidelberger Spieleverlag)
Imhotep (Phil-Walker Harding; Kosmos)
Karuba (Rüdiger Dorn; Haba)

Spiel des Jahres: Die Empfehlungsliste

EmpfehlungslisteAgent Undercoveranimalsonboarddiefiesensiebenkrazywordzquinto

Agent Undercover (Alexander Ushan; Piatnik)
Animals on Board (Ralf zur Linde/ Wolfgang Sentker; eggertspiele/ Pegasus Spiele)
Die fiesen 7 (Jacques Zeimet; Drei Hasen in der Abendsonne)
Krazy WORDZ (Dirk Baumann/ Thomas Odenhoven/ Matthias Schmitt; Fishtank/ Ravensburger)
Qwinto (Uwe Rapp/ Bernhard Lach; Nürnberger-Spielkarten-Verlag)

Kennerspiel des Jahres: Die Nominierungen

Kennerspiel Nominiertenisleofskyepandemiclegacytimestories

Isle of Skye (Alexander Pfister/ Andreas Pelikan; Lookout Spiele)
Pandemic Legacy – Season 1 (Matt Leacock/ Rob Daviau; Z-Man Games/ Asmodee)
T.I.M.E Stories (Manuel Rozoy; Space Cowboys/ Asmodee)

Kennerspiel des Jahres: Die Empfehlungsliste

Empfehlungsliste7 Wonders Duelbloodragemombasa

7 Wonders: Duel (Antoine Bauza/ Bruno Cathala; Repos Production/ Asmodee)
Blood Rage (Eric M. Lang; Cool Mini Or Not)
Mombasa (Alexander Pfister; eggertspiele)

Kritik der Auswahl
Die Qualität der ausgewählten Spiele ist dieses Jahr spieltechnisch sehr hoch. Natürlich gibt es immer das eine oder andere Spiel das es nicht in die Auswahl geschafft hat, obwohl es wirklich gut ist. Dieses Jahr kommen mir da Spiele wie Mysterium, Die Schlösser des König Ludwig, Imperial Settlers oder Quadropolis in den Sinn. Trotzdem gibt es, was die Qualität der nominierten Spiele angeht, dieses Jahr aus der Sicht eines Vielspielers wenig zu meckern. Spiegeln die Listen doch sehr gut die Trends des letzten Jahrgangs wider: Der narrative Aspekt von Brettspielen wird immer wichtiger, auch Eurogames können trashig sein (Eurotrash?), etc…

Obwohl die Listen qualitativ hochwertige Spiele enthalten ist sie andererseits trotzdem sehr überraschend. Entweder hat die Jury dieses Jahr vor lauter Begeisterung der spielerischen Innovationen ihre eigentlichen Zielgruppen aus den Augen verloren oder sie ändert bewusst ihre Ausrichtung der Preis-Kategorien hin zu komplexeren Spielen. Seit der Einführung des Kennerspiels im Jahre 2011 wurden die Zielgruppen des roten und des grauen Pöppels klar definiert. Das Spiel des Jahres sollte sich an die typische Familienrunde richten, die Weihnachten ein Spiel auspackt und mit Eltern, Kindern und Großeltern sofort losspielen kann. Das Kennerspiel wurde klar vom Expertenspiel getrennt, das mit dem Deutschen Spielepreis einen vermeintlich eigenen Spielepreis besitzt, und sollte für Familien ein nächster Schritt in Richtung gesteigerter Taktik und Strategie sein. Wenn man diese bisher geprägten Kategorisierungen betrachtet, dann überraschen die Nominierten und empfohlenen Spiele doch schon sehr:

In der aktuellen Spiel-des-Jahres-Kategorie überrascht Imhotep ein wenig, das sicher ein Grenzfall ist und ebenso gut in die Kennerspielkategorie hätte fallen können. Berücksichtigt man jedoch ebenfalls den Gewinner des letzten Jahres Colt Express, so stellt sich die Frage, ob eine bewusste Anhebung der Komplexität beabsichtigt ist. Jedenfalls darf man bezweifeln, dass die Oma an Heiligabend mit Colt Express oder Imhotep nicht überfordert ist.

Deutlich überraschender sind aber noch die Kandidaten in der Kategorie des Kennerspiels. Mit Pandemic Legacy und T.I.M.E Stories sind zwei wirkliche Schwergewichte nominiert, die durch die ebenfalls recht komplexen Expertenspiele Mombasa und Blood Rage auf der Empfehlungsliste komplettiert werden. Man stelle sich nur vor, die gelegentlich Qwirkle, Hanabi oder Dixit spielende Familie fühlt sich bereit für den nächsten Schritt und geht ins Kaufhaus, um Mombasa oder T.I.M.E Stories mit nach Hause zu bringen. Da ist Überforderung und Frust  vorprogrammiert. Ein solcher Anstieg der Komplexität sollte seitens der Jury zumindest deutlich kommuniziert werden.

Die konsequentere und elegantere Lösung wäre meiner Meinung nach die Einführung einer weiteren Spiel-des-Jahres-Kategorie: Das Expertenspiel des Jahres. Das Argument, man wolle keinen Konkurrenzpreis zum Deutschen Spielepreis schaffen geht meiner Meinung nach am Kern vorbei. Denn der Deutsche Spielepreis ist nicht zwingend ein Spielepreis für Expertenspiele. Das zeigen zum einen vergangene Sieger wie 6 nimmt!, Carcassonne und Dominion, aber auch aktuelle Anwärter wie Codenames. Der Deutsche Spielepreis bliebe eine Auszeichnung des unter Vielspielern beliebtesten Spiels des Jahrgangs. Andererseits böte ein Expertenspiel des Jahres der Jury die Möglichkeit, aktuelle Jahrgangstrends der immer komplexer werdenden Spieleszene wiedergeben zu können, ohne dabei die ursprüngliche Zielgruppe der Familienspieler durch fehlplazierte Nominierungen und Empfehlungen zu verprellen.

Die Favoriten?
Aus der Nominierten-Liste Spiel des Jahres ist sicherlich Codenames dieses Jahr dasjenige Spiel, das in der Spielezsene am besten angekommen ist. Der Einstieg ist familientauglich, auch wenn Kinder wahrscheinlich eher nicht als Teamleiter spielen sollten. So gut Codenames spielerisch gefällt, hat es doch ein großes Problem: Es funktioniert erst richtig ab 4 Spielern. Fraglich ist, ob die Jury darüber wird hinweg sehen können. Imhotep bewegt sich, was die Komplexität angeht, an der Grenze zum Kennerspiel und könnte einige Familien überfordern. Jedoch hat dies die Jury letztes Jahr auch nicht davon abgehalten Colt Express auszuzeichnen. Karuba ist mit Sicherheit die rundeste Sache für die Zielgruppe: Einfacher Einstieg, von 2 bis 4 Spielern spielbar. Jedoch fällt der Spielspaß hinter den beiden vorher genannten deutlich zurück.
Wie man sieht gibt es für jedes Spiel Argumente, die dafür oder dagegen sprechen. Mein Favorit bleibt Codenames. Aber was weiß ich denn schon? Meine Favoriten der letzten zwei Jahre Cacao und Love Letter haben es nicht einmal auf die Nominierungslisten geschafft.

In der Liste Kennerspiel des Jahres hat dieses Jahr Pandemic Legacy in der Szene am meisten überzeugt. Es bringt alle Stärken von Pandemie mit und kombiniert dies mit neuen erzählerischen Erlebnissen und dem Legacy-Prinzip des sich verändernden Spiels. Eigentlich ist es aber für die Zielgruppe der Kennerspieler zu komplex und hat den Nachteil, dass es in einer festen Spielgruppe wie eine Kampagne durchgespielt werden muss. Langzeitmotivierte feste Spielgruppen sind aber doch eher eine Sache von Vielspielern. Dazu ist die Kampagne nur einmal spielbar. Aufgrund dessen müsste eigentlich ein Sieg ausgeschlossen sein. Es wäre aber der perfekte Gewinner eines Expertenspiel des Jahres. Doch vielleicht soll auch das Spiel Pandemie posthum die Ehre Gebühren, die es immer schon verdiente. Seinerzeit hatte es das Pech im gleichen Jahrgang wie Dominion zu landen. Entsprechend wurde ja auch schon mit Wie verhext! (Broom Service) verfahren. T.I.M.E Stories bringt ebenfalls ein tolles erzählerisches Erlebnis mit sich. Trotzdem kann ich es mir gar nicht als Kennerspiel vorstellen. Es ist einfach zu speziell und komplex. Nach einmaligem Durchspielen ist es ebenfalls erledigt, es sei denn man erwirbt weitere Geschichten in Form von Erweiterungen. Eine kostspielige Angelegenheit. Auch T.I.M.E Stories wäre meiner Meinung nach eher ein Kandidat für ein Expertenspiel des Jahres. Isle of Skye dagegen ist das Musterbeispiel eines Kennerspiels vergangener Jahre. Die Komplexität stimmt und es garantiert sehr großen Langzeitspielspaß. Auf der anderen Seite bietet es spielerisch wenig neues und das Autorenteam Alexander Pfister und Andreas Pelikan haben bereits letztes Jahr den Kennerspielpreis abgesahnt. Das sollte zwar eigentlich keine Rolle spielen, aber wer weiß? Meine persönlichen Favoriten als Vielspieler sind sicherlich Pandemic Legacy oder T.I.M.E Stories. Für die Zielgruppe der Kennerspieler sollte bei dieser Auswahl aber eigentlich nur Isle of Skye ernsthaft in Betracht kommen.

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