Demokratie spielend gestalten

Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, erinnere ich mich in erster Linie an tägliche Aneinanderreihungen von Vorlesungen. Der Professor stand vorne und dozierte und ich schrieb mir die Finger wund, weil ich meinen Mitschriften mehr Vertrauen entgegenbrachte als meinem Erinnerungsvermögen. Trotz des obligatorischen Kaffees erwischte ich mich meist schon nach 30 Minuten beim Gähnen. Dass es auch anders geht, zeigt ein neues Projekt der Universität Zürich. Dort soll – und hier schließt sich der Kreis zu diesem Blog – im Rahmen eines Seminars zusammen mit Studenten ein Bildungsspiel entwickelt werden, das sich dem Thema der Demokratiequalität aus einer spielerischen Perspektive nähert. Das fertige Brettspiel soll später – basierend auf dem Ansatz des playful learning – Schülern und Studenten die Kernelemente von Demokratie als auch ihre Zielkonflikte vermitteln.

Veranstalter des Seminars sind Dr. Rebecca Welge und Dr. Saskia Ruth vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich in Kooperation mit dem NCCR Democracy. Als Brettspielkenner wurde ich gebeten die Entwicklung des Spiels als Berater zu begleiten und in einer Blog-Serie festzuhalten. In diesem ersten Beitrag möchte ich zunächst einmal lediglich die Grundkonzeption des Seminars beschreiben:

Die Entwicklung eines Brettspiels ist ein aufwendiger Prozess und mit unzähligen Stunden des Testens diverser sich verändernder Prototypen verbunden. Es ist selbstverständlich, dass ein einzelnes Seminar dies nicht vollständig leisten kann. Deswegen ist das Ziel dieses Seminars zunächst einmal eine Roadmap und eine erste Spielidee für die Zukunft zu entwickeln, idealerweise bereits mit dem Entwurf einer Spielregel für einen ersten Prototypen.

Die Herangehensweise an die Entwicklung eines Brettspiels, d.h. das Zusammenspiel von Thema und Mechanismus, ist häufig Anlass vieler Diskussionen. Aufgrund der feststehenden thematischen Ausrichtung des Seminars muss dieses Spiel allerdings „vom Thema zum Mechanismus“ hin konzipiert werden. Aufgrund der Eigenheiten von angeleiteten Bildungsspielen soll das Brettspiel später in drei Phasen gespielt werden: In der Input-Phase soll der theoretische Hintergrund (Demokratie) erarbeitet werden. Anschließend soll in einer zweiten Phase das Brettspiel selbst gespielt werden, um in einer dritten Outcome-Phase die bildungsrelevanten Erkenntnisse, die aus dem tatsächlichen Spielerlebnis gewonnen wurden, zu evaluieren.

Demgemäß befasst sich ein erster Teil des Seminars mit der Erarbeitung relevanter Inhalte: Was ist Demokratie? Welchen Inhalt und welche Funktionen haben die wichtigsten Demokratiemodelle? Wie können verfassungsgebende Prozesse oder Verfassungsreformprozesse ablaufen? Welche demokratischen Institutionen gibt es und welche Interessen haben relevante politische Akteure? Wie kann man Qualität von Demokratie messen?

Im zweiten Teil des Seminars geht es um den Transfer der Inhalte in die Welt der Brettspiele. Welche wesentlichen Inhalte sind unverzichtbar um das Thema zu transportieren? Und welcher Abstraktionsgrad ist notwendig um diese mit den Limitierungen eines Brettspiels darstellen zu können?

In einem dritten Schritt sollen Ideen entwickelt werden, welche Spielmechanismen die wesentlichen abstrahierten Inhalte wiedergeben und welche Spielmaterialien diese visualisieren können. Am Ende soll eine konkrete Spielidee durch den gemeinsamen Entwurf einer Spielregel festgehalten werden.

Klar ist, dass dieses Spiel am Ende des Seminars noch immer ganz am Anfang der Entwicklung stehen wird. Das Projekt soll anschließend – evtl. über mehrere Semester – fortgesetzt werden bis schließlich ein fertiges Bildungsspiel entstanden ist.

 

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